FESTIVAL OF LIGHTS 2022: Interview mit Birgit Zander

FESTIVAL OF LIGHTS 2022: Interview mit Birgit Zander

Deutschland erlebt gerade eine nie dagewesene Energiekrise. Passt ein FESTIVAL OF LIGHTS in eine solche Zeit? Haben Sie darüber nachgedacht, es komplett abzusagen?

Mir ist sehr bewusst, dass sich viele Menschen große Sorgen machen. Kann ich mir in diesem Winter noch eine warme Wohnung leisten? Wie soll ich die nächste Stromrechnung bezahlen? Für Menschen mit geringen Einkommen sind das existenzielle Fragen. In so einer schwierigen Situation kam „Business as usual“ für uns nicht in Frage. Eine Absage aber auch nicht, denn wir wissen besonders aus den letzten beiden Jahren während der Pandemie, dass sich sehr viele Menschen auch und gerade in harten Zeiten auf das FESTIVAL OF LIGHTS besonders freuen. Und es als eine Art Balsam für die Seele auch brauchen. Licht ist einfach elementar für unser Leben. Es hellt buchstäblich unsere Stimmung auf, vor allem in der dunklen Jahreszeit. Und ganz besonders natürlich, wenn Künstler*innen Licht als Werkzeug nutzen, um hochemotionale Projektionen und Lichtskulpturen zu erschaffen.

2020 und 2021 ist es uns gelungen, unser Konzept so umzustellen, dass wir auch in einer Pandemie stattfinden und jeweils rund 3 Millionen Besucher*innen begeistern konnten. In diesem Jahr arbeiten wir seit Monaten an einem Plan, wie wir den Herausforderungen der Energiekrise gerecht werden können.

Und was ist dabei herausgekommen? Was ändert sich ganz konkret in diesem Jahr?

Wir wissen, dass wir als Format mit Strombedarf in einer Energiekrise eine besondere Verantwortung haben. Dass wir besonders verantwortungsbewusst mit Strom umgehen müssen. Dass wir dafür neue Ideen und innovative Lösungen brauchen. Und dass wir insgesamt nachhaltiger handeln müssen als je zuvor. Deshalb haben wir für dieses Jahr eine „New Edition“ entwickelt, die dem gerecht wird. Zum Beispiel, indem wir unseren Stromverbrauch im Vergleich zu den Vorjahren drastisch um 75 Prozent senken.

Unser Motto für 2022 heißt “Vision of our Future”. Dieses Motto spiegelt sich im gesamten Festival und in allen Kunstwerken facettenreich wieder. Herzstück der „New Edition“ ist großartige, internationale Lichtkunst, wie die Menschen sie aus den letzten 17 Jahren gewohnt sind. Aber wir konzentrieren uns in diesem Jahr auf rund 35 Schauplätze. Das spart erhebliche Ressourcen. Dafür legen wir an den einzelnen Standorten aber noch mehr Wert auf künstlerische Vielfalt und ausdrucksstarke Inszenierungen. So können wir auch in diesem Jahr wieder ein genauso buntes wie faszinierendes Programm mit rund 70 Lichtkunstwerken anbieten. Nur eben etwas mehr gebündelt.  Neben der Zahl der Schauplätze verringern wir auch die tägliche Dauer des Festivals um eine Stunde. Statt um Mitternacht enden die Inszenierungen um 23 Uhr. Und wir verwenden die modernste und sparsamste Lichttechnik, die am Markt verfügbar ist. Alles zusammengenommen führt zu drastisch weniger Strombedarf. 75 Prozent weniger als in den letzten Jahren! Last but not least setzen wir auch mobile Energiespeicher ein, die durch erneuerbare Energien eingespeist werden

Birgit Zander

Birgit Zander ist Gründerin und künstlerische Leiterin des FESTIVAL OF LIGHTS

Foto: Privat

Verraten Sie uns die Schauplätze?

Die wichtigsten Wahrzeichen und Bauwerke Berlins sind auch in diesem Jahr dabei. Zum Beispiel das Brandenburger Tor, der Fernsehturm, der Bebelplatz, das Nikolaiviertel, der Potsdamer Platz, der Lustgarten oder auch das Schloss Charlottenburg. Jeder Standort im Festival of Lights wird noch bunter, vielfältiger und eindrucksvoller inszeniert. Entweder mit gleich mehreren sogenannten 3D-Videomapping-Shows. Oder – ganz neu auch – mit vielen Lichtskulpturen, die dank LED-Technik nur sehr wenig Strom benötigen. Darunter sind Märchenfiguren, wunderschöne Tiere und Pflanzen. Oder fliegende Objekte, die sich teils wie von Geisterhand bewegen und so auf ihre ganz eigene, magische Weise kleine Geschichten erzählen. Das endgültige Programm veröffentlichen wir traditionell erst etwa eine Woche vor dem Beginn. Aber ich kann schon jetzt sagen: Es sind zahlreiche Lichtkünstler*innen von Weltrang dabei. Und es wird spektakulär.

Wo liegen denn in diesem Jahr die künstlerischen Schwerpunkte?

Das Brandenburger Tor wird in diesem Jahr u.a. im Zeichen der Solidarität mit der Ukraine stehen. Ich freue mich sehr und bin stolz darauf, dass wir drei sehr renommierte ukrainische Video-Studios gewinnen konnten. Künstler*innen jedes Studios entwickelten exklusiv für das FESTIVAL OF LIGHTS eine Videoshow, in der sie ihre Visionen für die Zukunft ausdrücken. Das wird also eine Premiere und ganz sicher auch emotional und bewegend. Für uns war es immer schon wichtig, großartigen Künstler*innen in Berlin eine große, weltweit beachtete Bühne zu geben. Aber dass wir in diesem Jahr gleich drei Videostudios aus der Ukraine dabeihaben, ist noch einmal etwas ganz anderes. Das berührt mich in einer ganz besonderen Weise und ich bin ganz sicher, dass es den Besucher*innen genauso gehen wird. Einen weiteren Schwerpunkt wird es auf dem Fernsehturm geben. Dort zeigen wir leuchtende Inspirationen zum Thema Nachhaltigkeit. Ein Künstler von weltweiter Bedeutung wird seine Interpretation der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung der UN präsentieren. Auch darauf freue ich mich schon sehr. Und als eine ganz besondere Aktion präsentieren wir mit Stolz und großer Freude farbenfrohe Zukunftsträume, die Kinder – darunter auch aus der Ukraine geflüchtete Kinder – für uns gemalt haben. Diese projizieren wir auf die Fassade des Schloss Charlottenburg.

Luminèoles, Porté par le Vent | Foto: Festival of Lights

Zum Thema Stromverbrauch: Wie viel Strom brauchen Sie denn noch in diesem Jahr?

Wir werden mit rund 8.250 Kilowattstunden für 10 Festivaltage auskommen. Im Vergleich zu anderen Großveranstaltungen ist das extrem wenig. Beispielsweise braucht schon ein einziges Zelt beim Münchener Oktoberfest rund 200.000 Kilowattstunden. Das gesamte Oktoberfest hat einen Strombedarf von rund 3 Millionen Kilowattstunden. Das ist mehr als 300 Mal so viel wie beim FESTIVAL OF LIGHTS. Sehr viel Freude mit sehr wenig Strom – das zeichnet das FESTIVAL OF LIGHTS aus.

Im Interesse der Nachhaltigkeit nutzen wir ausschließlich grünen Strom. Also Strom, der zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energiequellen stammt. Der wird zusätzlich mit dem härtesten deutschen Ökostrom-Siegel zertifiziert, dem „Grüner Strom Label“. So stellen wir übrigens auch sicher, dass der Zertifizierungswert unserer gesamten Stromkosten in den Bau neuer Photovoltaikanlagen investiert wird.

Und hier noch ein für mich ganz besonders wichtiger Aspekt: Mit dem FESTIVAL OF LIGHTS lässt sich sogar noch Strom sparen! Denn, so überraschend das auf den ersten Blick klingen mag: Mit dem Besuch unseres Festivals lässt sich viel mehr Strom einsparen als es selbst verbraucht. Wie das? Wer das FESTIVAL OF LIGHTS besucht und in dieser Zeit seinen Fernseher ausschaltet, spart Strom und Geld. Ein durchschnittlicher Fernseher hat eine Leistung von 100 Watt. Vier Stunden Fernsehen verbrauchen damit 0,4 Kilowattstunden. Wenn also nur 25.000 Haushalte einen Abend lang aufs Fernsehen verzichten und stattdessen das FESTIVAL OF LIGHTS besuchen, ist der Stromverbrauch des gesamten Festivals für alle zehn Abende bereits mehr als ausgeglichen. In den letzten Jahren hatten wir jeweils rund drei Millionen Besucher*innen, also bei der durchschnittlichen Berliner Haushaltsgröße von weniger als zwei Personen deutlich mehr als eine Million Haushalte. Sicher würde nicht jeder zuhause fernsehen, wenn er nicht zum FESTIVAL OF LIGHTS geht. Aber viele eben doch. Deshalb lässt sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen: Die Energiebilanz des FESTIVAL OF LIGHTS wird für Berlin klar positiv sein. Und ich sage mit bestem Gewissen: Lassen Sie den Fernseher aus, besuchen Sie das Lichtkunstfestival und erleben sie facettenreiche Inszenierungen und Lichtskulpturen.

Inwiefern ist das Festival of Lights nachhaltig?

Nachhaltigkeit ist unser Leitmotiv in der gesamten Leistungskette des FESTIVAL OF LIGHTS. Unser Konzept basiert auf den 3 Säulen „ökologisch, ökonomisch und sozial“.

Aspekt Ökonomie: Die Strahlkraft des FESTIVALS OF LIGHTS geht weit über die Grenzen der Hauptstadt hinaus. Wir wissen, dass wir ein wichtiger Faktor für die Berliner Tourismusbranche sind. Und positive Bilder und Botschaften von Berlin in die Welt tragen.

Aspekt Soziales: Das FESTIVAL OF LIGHTS ist seit der Gründung in jedem Jahr für Besucher*innen kostenlos. Und das bleibt auch so! Auch in diesem Jahr haben wir zahlreiche Partner*innen und Sponsor*innen, die das gemeinsam mit uns möglich machen. Es gehört zur Grundidee des FESTIVAL OF LIGHTS, dass es ein Geschenk an Berlin, die Berliner*innen und Gäste aus aller Welt ist. Uns ist sehr wichtig, dass viele Menschen Freude haben. Besonders in einem so schwierigen Jahr wie diesem. Und das soll nicht von den finanziellen Möglichkeiten abhängen.

Aspekt Ökologie: Neben dem wirklich sehr geringen Stromverbrauch aus 100 % erneuerbaren Energien setzen wir zusätzlich viele neue Maßnahmen um. Unsere komplette Produktion wird CO2-neutral sein. Um nur ein paar Beispiele zu nennen: Wir bündeln Transporte, setzen wiederverwendbares Material ein wo immer möglich und arbeiten mit Zeitschaltuhren und Fernsteuerungen, um Fahrtwege zu minimieren. Wir verzichten zunehmend auf Drucksachen, haben eine App, eine neue Programm-Website und ein Online-Magazin. Bei den Festivalrouten achten wir darauf, dass sie bequem zu Fuß oder mit dem Fahrrad erkundet werden können sowie mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar sind.

Wie steht denn der Senat zur Durchführung des Festival of Lights? Und wie passt das mit der neuen Energiesparverordnung zusammen, nach der ja eigentlich Licht ausgeschaltet werden muss? 

Der Senat und visitBerlin freuen sich auf das FESTIVAL OF LIGHTS. Das kann man auch der Presse entnehmen. Die Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey ist unsere Schirmherrin. Und Wirtschaftssenator Stephan Schwarz schrieb uns: “Ich finde es gut und richtig, dass es auch in diesem Jahr das FESTIVAL OF LIGHTS in Berlin geben wird. Das beliebte Lichtkunst-Festival ist ein Highlight im Veranstaltungskalender unserer Stadt, sowohl für die Berlinerinnen und Berliner, als auch Gäste aus aller Welt. Die Bundesverordnung zum Energiesparen hat für solche kulturellen Veranstaltungen zurecht Ausnahmen vorgesehen. Aber wir sind natürlich alle aufgerufen, noch sparsamer mit Energie umzugehen. Dafür haben die Festival-Veranstalter umfangreiche Maßnahmen vorgelegt und wollen gegenüber den Vorjahren ihren Strombedarf um mindestens 50 Prozent senken. Das ist das richtige Zeichen in dieser Zeit und der richtige Weg auch für kommende Jahre.”

In der Energiesparverordnung des Bundes wurde beim grundsätzlichen Verbot zur Beleuchtung öffentlicher Gebäude bewusst eine Ausnahme für Kulturveranstaltungen vorgenommen. Das gilt natürlich auch für das FESTIVAL OF LIGHTS. Insgesamt sind wir sehr dankbar für das vertrauensvolle Miteinander mit dem Senat.

Zum Schluss noch ein Blick in die Zukunft. Ist die „New Edition“ das Konzept, mit dem sie auch in den nächsten Jahren das FESTIVAL OF LIGHTS gestalten wollen?

Wenn die Umstände es erlauben, werden wir uns in Zukunft sicher wieder größer und breiter in Berlin aufstellen. Aber die Kernideen und -intentionen der „New Edition“ werden bleiben und setzen Maßstäbe für die Zukunft. Wir werden immer äußerst sparsam mit Energie umgehen, ausschließlich grünen Strom nutzen und in allen Bereichen bei uns und in der Zusammenarbeit mit unseren Partnern, auf nachhaltiges Handeln setzen. Unser großes Ziel ist, das FESTIVAL OF LIGHTS so verantwortungsbewusst, innovativ und nachhaltig weiterzuentwickeln, dass es zum Vorbild für andere Festivals, Großveranstaltungen und Konzerte wird. Dieses Jahr ist dafür ein ganz wichtiger erster Schritt. Und ich verspreche: Weitere werden folgen.

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